Das Ende der Selbstoptimierung

Wie die Idee der Verbesserung den Menschen von sich selbst entfremdet, und warum echtes Wachstum anders beginnt

Manchmal scheint es, als wäre das Menschsein zu einem Projekt geworden. Überall wird an sich gearbeitet. Man misst Schlaf, Schritte, Stimmung, Erfolg. Selbst Erholung wird organisiert. Selbst der Versuch, gelassen zu sein, folgt bei vielen einem bis ins Kleinst Detail durchdachten Plan. Es ist ein Leben im Modus der Verbesserung.

Und dann wird heute ja nicht nur das eigene Leben durchgeplant, sondern auch das der Kinder: Stundenpläne, Termine, Hobbys, Förderprogramme. Im Optimalfall sollen alle Aktivitäten sinnvoll und perfekt ausgewogen sein. Kaum ein Tag bleibt offen. Kaum ein Nachmittag ohne Struktur. Und dann wundert man sich, warum Kinder keine innere Ruhe mehr finden, warum sie schon früh nervös, unkonzentriert oder reizbar wirken. In Wahrheit fehlt ihnen, was auch vielen Erwachsenen fehlt: das Erlaubnisfeld der Langeweile.

Langeweile gilt heute als ein Zustand des Mangels. Sie soll gefüllt, überdeckt, überspielt werden und eigentlich nicht mal vorkommen. Auch nicht zwischendurch oder nur mal ganz kurz. Doch Langeweile ist eben kein Fehler im System, sondern ein notwendiger Zwischenraum. Wenn der ständige Strom von Reizen versiegt, wenn das Handy aus ist, kein Ton, kein Bild, kein Gedanke von außen nachströmt, entsteht ein Vakuum. Und ja, es ist meist erstmal unangenehm, weil man plötzlich wieder mit sich allein ist. Aber genau dort ist der Startpunkt für Dein Eigenes.

Wer Langeweile aushält, erlebt, wie sich das Innere wieder zu regen beginnt. Erst ist es unruhig, dann klarer. Nach und nach entsteht eine Bewegung, die nicht von außen kommt. Das ist der Moment, in dem Kreativität sich Bahn bricht. Sie braucht Leere. Diese Leere ist genau der Raum, durch den das Licht der eigenen Schöpferkraft nach außen dringen kann.

Viele Menschen haben sich daran gewöhnt, sich selbst wie ein Unternehmen zu führen. Sie schreiben Ziele, sie planen Routinen, sie entwerfen Versionen ihrer selbst, die disziplinierter, bewusster, optimierter sein sollen. Doch inmitten all dieser Selbstverwaltung verliert sich etwas, das viel wesentlicher ist: der Kontakt zu dem, was schon da ist.

Die Idee der Selbstoptimierung klingt harmlos, fast vernünftig. Sie verspricht Wachstum, Klarheit, Effizienz. Doch in Wahrheit erzeugt sie eine ständige Spannung. Man steht unter dem leisen Druck, nie genug zu sein, alles wird zur Aufgabe, selbst das Glück wird von langer Hand geplant – zumindest wird dies versucht. Und wenn man Glück wie eine Aufgabe behandelt, verschwindet es. Es ist ein ähnliches Prinzip wie bei dem Erschöpfen und dem Erschaffen (Siehe mein Artikel »Das Erschöpfte und das Erschaffende«). Erst kommt das, was sich gar nicht gut anfühlt, um das zu ermöglichen, was den Menschen letzten Endes in seine Kraft bringt. Vorausgesetzt er bleibt am Ball, gibt nicht auf, macht weiter.

Ich sehe in meiner Arbeit immer wieder Menschen, die an diesem Punkt stehen. Sie haben alles richtig gemacht, alles analysiert, alles verstanden. Sie wissen, wie man denkt, wie man fühlt, wie man funktioniert. Und trotzdem sind sie unzufrieden, nicht erfüllt und haben schon alle möglichen Programme der Selbstverbesserung absolviert, alle ohne durchschlagenden Erfolg. Sie haben gelernt, ihre Emotionen zu benennen, aber nicht mehr, sie zu empfinden. Sie sind perfekt informiert, aber nicht mehr verbunden.

Sieh es mal so: Selbstoptimierung ist im Kern eigentlich nichts anderes als Misstrauen. Sie sagt: so, wie du bist, reicht nicht. Du musst besser schlafen, besser kommunizieren, besser denken und schon sind mehr oder weniger große Teile des Alltags durch fremde Rhythmen und Vorgaben bestimmt, das Leben wird zu einer Checkliste. Doch ein Mensch ist kein System, das man einfach so und ohne Auswirkungen auf das Gesamtsystem justieren kann, denn er ist ein Wesen mit Tiefe, Widerspruch und Bewegung. Entwicklung geschieht nicht durch die umgreifende Kontrolle von Außen und das Überstülpen von Regelwerk, sondern durch das Bewusstsein, das von innen leuchtet.

Die Wahrheit ist: wer sich permanent optimiert, verhindert allzu oft echte Veränderung. Denn Veränderung braucht Offenheit und einen Raum, wachsen und sich ausbreiten zu können und eben nicht Zwang, und Kontrolle. Man kann sich nicht verbessern und sich gleichzeitig wirklich verändern. Wer das Leben zu stark führen will, sperrt es ein.

In dem Moment, in dem Du aufhörst, Dich selbst zu behandeln wie eine Aufgabe, die noch erledigt werden muss, geschieht etwas Merkwürdiges: Die Energie, die zuvor in Überwachung und Kontrolle gebunden war, wird frei. Du beginnst wieder zu spüren, was Dich wirklich interessiert. Du triffst Entscheidungen, die auf Deiner Wahrheit beruhen. Du arbeitest, weil Du etwas ausdrücken willst, nicht weil Du etwas beweisen musst!

Selbstoptimierung hat den Menschen auf eine gewisse Art und Weise verbogen und ihn gelehrt, sich von außen zu betrachten. Ich möchte hier das Ende dieser Bewegung proklamieren und dazu aufrufen, wieder von innen zu leben.

Und verstehe mich nicht falsch, das Ende der Selbstoptimierung ist keineswegs der Verzicht auf Entwicklung! Im Gegenteil, es ist die Rückgabe des Lebens an das Leben. Es ist das Vertrauen, dass man wachsen darf, ohne sich ständig zu messen. Es ist die Rückkehr zur Selbstverständlichkeit des Daseins.

Und vielleicht ist das die eigentliche Reife: nicht besser und immer optimierter werden zu wollen, sondern wahrer, ehrlicher, authentischer.
Dein Leben beginnt dort, wo Du erkennst, dass Du schon längst bist – und nicht erst noch werden musst.